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Gesundheit  | 31.07.2015  Traumata: Ursachen und Folgen

Psychotherapeut Volker Bracke erklärt

Schlimme Erlebnisse können Kinder und Erwachsene traumatisieren. Eine Traumatherapie kann den Betroffenen helfen; manchmal reicht aber schon die Unterstützung durch das soziale Umfeld. 

Wege aus dem Trauma

Beate kam ins Kinderheim, nachdem sie jahrelang durch ein wahres Martyrium gehen musste. Die Folgen spürt sie bis heute. Psychotherapeut Volker Bracke erklärt, wie man Traumata überwinden kann.

(31.07.2015)
Kindesmisshandlung

Misshandlung kann bei Kindern zu Traumata führen.

(Quelle: imago/imagebroker/begsteiger)

Misshandlung oder Missbrauch, Katastrophen oder Krieg – Menschen, die derartiges erleben, sind häufig nicht in der Lage, das zu verarbeiten: Sie sind traumatisiert. Psychotherapeut Volker Bracke unterscheidet grob zwischen zwei verschiedenen Ursachen für Traumata; zum einen äußere Ereignisse, wie etwa Unfälle, zum anderen Ereignisse auf der Beziehungsebene, wie etwa Gewalt. Wenn beispielsweise eine Mutter fortlaufend ihr Kind misshandele, empfinde das Kind sie, die eigentlich Schutz geben sollte, als Bedrohung – was wiederum dazu führen könne, dass das Kind kein Urvertrauen aufbaut.

Allerdings seien die Folgen für die Betroffenen individuell sehr unterschiedlich, sagt Bracke: „Es gibt erstaunlicherweise Menschen, die genug innere Kraft haben und dadurch nicht zerstört werden; aber es bewirkt auch, dass traumatisierte Kinder in ihrem Leben später Probleme haben – als Erwachsene. Manchmal natürlich auch schon als Kinder.“ So könne Misshandlung beispielsweise zu Bindungsschwierigkeiten führen, da Beziehungen vorwiegend in Form von Gewalt erlebt wurden. Manchmal könne es auch zu sogenannten Flashbacks kommen, Paniksymptomen wie Zittern oder Schweißausbrüche, die durch bestimmte Reize ausgelöst werden: „Eine Frau, die von einen bärtigem Mann vergewaltigt wurde, wird in bestimmten Situationen immer auf Bärte reagieren, da der Bart sie an das Ereignis erinnert.“

Verschiedene Phasen der Traumatherapie

Um ein Trauma erfolgreich therapieren zu können, sei es entscheidend, dass die Betroffenen um das Trauma wissen und es benennen können: „Das ist ganz wichtig – denn manche Menschen verstehen unter Traumatherapie, dass man eine Therapie macht und der Therapeut sucht dann so lange herum, bis irgendein Trauma gefunden ist. So funktioniert diese Therapie nicht.“

Therapeutensuche

Traumatherapien werden üblicherweise von den Krankenkassen bezahlt. Zertifizierte Therapeuten kann man unter anderem auf der Internetseite der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT) finden:

www.degpt.de

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich.)

Aufgeteilt ist eine Traumatherapie in verschiedene Phasen: Stabilisierung, Exposition und Neuorientierung. Zur ersten Phase sagt Bracke: „Bei der Stabilisierung lernen die Betroffenen mit dem auslösenden Moment und den heraufdrängenden Erinnerungsfetzen umzugehen. Es geht zum Beispiel in Imaginationsübungen darum, gute Bilder als Gegengewicht zu bösen Bildern zu entwickeln. Die vergewaltigte Frau lernt, dass nicht alle Männer mit Bart Vergewaltiger sind.“ Darauf folge die zweite Stufe, die Exposition oder Konfrontation: „Ich stelle mich dem Ereignis. Das kann zum Beispiel geschehen, indem ich an den Ort gehe, wo ich der Gewalt eines Menschen ausgesetzt war.“ Und schließlich müsse dem Patienten noch der „Transfer der Therapie ins Alltagsleben“ gelingen: „Es ist damit umzugehen, dass eine Beziehung kaum mehr möglich ist, dass eine Frau keine Kinder mehr bekommen kann, körperliche Einschränkungen hinzunehmen sind, der Täter nie bestraft wird, das Opfer aber viele quälende Jahre erlebt.“

Therapiedauer variiert stark

Allerdings, sagt Bracke, würden diese Therapiephasen nicht immer linear durchlaufen: „Oft geht es wieder zurück auf eine Stufe, da irgendetwas Unvorhergesehenes passiert oder der Betroffene einen Rückfall erlebt. Genauso kann es sein, dass Inhalte späterer Phasen bereits in früheren ‚abgearbeitet‘ werden. Manchen Patienten reicht die Stabilisierungsphase und die dadurch erlebte Kontrolle über ihre Erinnerungen, Reaktionen und Gefühle.“
Die Dauer einer solchen Therapie könne stark variieren: „Von einem Vierteljahr bis 20 Jahren ist alles drin.“ Und ein Erfolg sei nicht garantiert, in bestimmten Fällen könne es sogar zu einer Verschlechterung kommen – abhängig von Faktoren wie Bewältigungsfähigkeit, Wiedergutmachungswunsch, Chronifizierung oder Qualität der Behandlung.

Unterstützung durch soziales Umfeld

Manchmal sei eine Therapie aber auch gar nicht erforderlich, sagt Bracke: „Der wichtigste Genesungsfaktor ist die soziale Unterstützung durch ein tragendes, vertrauensvolles Netz an Beziehungen. 80 bis 90 Prozent aller Unfallopfer kriegen es ohne Therapie hin, circa 50 Prozent der Gewaltopfer auch.“ Komme es bei den Betroffenen allerdings zu einer posttraumatischen Belastungsstörung oder zu anderen Folgeerkrankungen wie Sucht oder Depression, sei therapeutische Hilfe dringend erforderlich.

31.07.2015

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